Donnerstag, 17. Mai 2012
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Zwei Halbwahrheiten sind nicht die ganze Wahrheit

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat eine Pressemitteilung herausgegeben.

Diese Pressemitteilung enthält viel Wahres, aber auch eine ganze Menge Unsinn. “Vorhautverengungen müssen unbedingt korrigiert werden”, heißt es da zum Beispiel. Darüber kann man streiten, denn meistens verschwinden solche Vorhautverengungen im Laufe der Entwicklung von Jungen ganz von selbst. Gemeint sind wohl überwiegend die seltenen Fälle, die aufgrund von Verletzungen oder krankhaften Hautveränderungen entstehen. Davon jedoch ist in dem Artikel nichts zu finden.

“Phimose-Operation findet in der Regel zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr statt”, schreibt der Verband. Das ist leider richtig, nur aus rein psychologischer Sicht so ziemlich der ungünstigste Zeitpunkt, den man sich vorstellen kann. Wenn es keinerlei Komplikationen gibt, ist dieser Zeitpunkt jedenfalls auch viel zu früh.

Und da haben wir ihn, den Teufelskreis. Ein zumeist nicht behandlungsbedürftiger Zustand wird als gefährlich dargestellt und es wird ein viel zu früher Behandlungszeitpunkt benannt, ohne zu erwähnen, dass dieser Zeitpunkt äußerst umstritten ist.

Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt die Zeitschrift Baby und Familie:

“Eine Operation ist nur nötig, wenn Jungs durch die Vorhautverengung Probleme beim Wasserlassen oder bei der Erektion haben. Ärzte beheben die Engstelle meist durch eine OP, bei der die Vorhaut erhalten bleiben kann.”

Das hört sich zwar schon viel besser an, nur leider entfernen die meisten Ärzte bei solchen Operationen dennoch die Vorhaut teilweise oder vollständig, und das obwohl dies meist nicht notwendig ist. Und was “Probleme beim Wasserlassen” sind, wird leider auch nicht weiter ausgeführt.

Kaninchen quälen lohnt sich nicht (Säuglinge dagegen schon)

Empörung lösen dieser Tage Meldungen über im Internet zirkulierende, grausame Videos aus China aus. Junge Frauen setzten sich darin beispielsweise auf Glasplatten, unter denen ein Kaninchen liegt, oder träten ein Kaninchen mit Pumps zu Tode. Sie seien offenbar für “Fans” tierquälerischer Aufnahmen gedacht. Die Darstellerinnen sollen jetzt “virtuell gejagt” werden.

Die “im Internet zirkulierenden” oder ganz regulär auf YouTube und anderen Webseiten – nicht zu Aufklärungszwecken – eingestellten Videos von Säuglingsquälerei durch (betäubungslose) Beschneidung bleiben indes ungezählt. Sie dürften in die Tausende gehen.

Ungeklärt ist auch, wovon die Betrachter solcher Videos “Fan” sind.

Fakt ist aber jedenfalls, dass sie dem Objekt ihres “Fantums” im Gegensatz zu den Tierquälerei-Fans unbehelligt frönen können.

Ist es nicht ein schönes Zeugnis von Altruismus, dass sich die Menschheit mehr um niedliche kleine Tiere bemüht als um die hilflosesten Angehörigen ihrer eigenen Spezies?

Was macht eigentlich Missbrauch zu Missbrauch?

Am 03.11.2010 strahlte arte die Dokumentation “Und wenn’s ein Junge ist?”, im Original “Partly Private” von Danae Elon aus. Diese wird vom Sender als sehr persönlicher, witziger und sensibler Film über die Frage “Beschneiden oder nicht?” charakterisiert.

Persönlich und sensibel ist er wohl, die Witzigkeit hält sich allerdings sehr in Grenzen. Es handelt sich im Gegenteil ein bedrückendes und eindringliches Dokument der irrationalen Macht, die Beschneidung über Menschen hat, auch wenn Kopf und Bauch eigentlich wissen, dass es falsch ist.

Gegen Ende ihrer “Erkundungsreise” wohnt Danae Elon einer ultraorthodox-jüdischen Beschneidungszeremonie in der Grabstätte Abrahams in Hebron bei. Nicht nur der Penis des Babys, sondern auch die Szenen wurden geschnitten, daher dürften die wenigsten Fernsehzuschauer erfasst haben, was nach der eigentlichen Beschneidung vor sich geht, zumal es jegliches Vorstellungsvermögen sprengt.

Mario Viera: Beschnitten gegen Elternwillen – Namenspate für neues Gesetz?

Obwohl die Raten für routinemäßige Säuglingsbeschneidung in den USA stark zurückgegangen sind – vor einigen Wochen wurde von einem Rekordtief von nur 33 % im Jahr 2009 berichtet – gehört sie für viele amerikanische Mediziner nach wie vor automatisch zur Geburt eines Jungen dazu. Deswegen ist es für viele gegen Beschneidung eingestellte Eltern eine Horrorvision, dass der neugeborene Sohn im Krankenhaus ohne ihre Einwilligung und gegen ihren Willen beschnitten wird.

Dieser Alptraum ist jetzt für eine Familie aus Florida Wirklichkeit geworden.

Vera Delgado und ihr Sohn Mario

Sie machen es sich zu einfach – Antidiskriminierungsstelle zu Jungenbeschneidung

Der Femokratieblog hat es gewagt, er hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes gebeten, darzulegen, warum weibliche Beschneidung als Genitalverstümmelung unter Strafe gestellt werden soll, für die männliche Genitalverstümmelung jedoch keine über die Körperverletzung hinausgehende Regelung geplant ist.

Die Begründung der Antidiskriminierungsstelle ist – wie zu erwarten war – dünn.

Zwar werden Tatbestände aufgezählt, unter welchen Bedingungen eine Einwilligung in eine Beschneidung männlicher Kinder nicht wirksam ist, in der Sache jedoch bleibt man vage.

“In der Regel erheblich schwerwiegendere gesundheitliche Folgen” habe die weibliche Beschneidung. Eine Einwilligung sei grundsätzlich sittenwidrig, so dass eine Einwilligung ausscheidet. Freud´sche Fehlleistung oder hat man einfach keine bessere Idee gehabt? Jedenfalls liefert die Antidisktriminierungsstelle eine Begründung dafür ab, warum es gerade keiner Sonderregelung für Frauenbeschneidung bedarf.

Und wie die Beschneidung von Jungen unter den austalischen Ureinwohnern oder im afrikanischen Busch aussieht, darüber verliert man am besten kein Wort, schließlich hat auch diese erheblich schwerwiegendere gesundheitliche Folgen als eine Operation in einem mitteleuropäischen Krankenhaus. Die extremste Form der weiblichen Beschneidung wird einfach mit der “sanftesten” Variante der männlichen Beschneidung verglichen.

Ganz zurecht kommt der Femokratieblog zu folgendem Schluss:

Ein Umdenken ist weit und breit nicht in Sicht. Wie soll das auch funktionieren, wenn sich sogar Männer bei der Beschneidung von Jungen den westlichen Standard vorstellen. Das Jungen ebenso grausam verstümmelt werden wie Mädchen, das wollen die meisten Menschen doch gar nicht wissen. Mit Erzählungen kommt man da nicht weiter, die haben nur die Bilder der weiblichen Genitalverstümmelung aus dem Fernsehen im Kopf. Solange aber Medien über männliche Genitalverstümmelung viel weniger berichten als über die weibliche, solange wird ein umdenken nicht möglich sein.

 

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