Samstag, 28. Januar 2012
Login

Was ist eine Vorhaut wert – reloaded

Die Frage, was eine Vorhaut wert ist, stellt sich im Normallfall nicht. Mitunter kommt es jedoch vor, dass Ärzte wegen unnötiger oder missglückter oder von vornherein vollständig rechtswidriger Operationen ein Schmerzensgeld zu zahlen haben.

Diese Schmerzensgelder liegen regelmäßig im vierstelligen Bereich und sollen die erlittene Schmerzen und entstandenes Leid und auch die Tatsache, dass womöglich weitere Operationen notwendig sind, abgelten.

Ganz unverhofft hat es letztes Jahr den damals 5jährigen Nikola K. getroffen. Er sollte wegen wegen einer Warze am Fuß operiert werden, stattdessen hat Dr. Hisham Al-M. dem Jungen einfach die Vorhaut abgeschnitten.

Nachdem Al-M. sich auch gegenüber Nikolas Eltern nicht äußern wollte, wurde er wegen fahrlässiger Körperverlettzung angeklagt, erschien jedoch nocht vor dem Strafrichter. Staatsanwaltschaft und Gericht ließen Gnade vor Recht ergehen und es wurde kein Haftbefehl erlassen, sondern ein Strafbefehl, mit dem der gegen den “Schnippel-Doc” (Bild-Zeitung) zu einer “Geldstrafe auf Bewährung” in Höhe von 12.000 Euro festgesetzt wurde. Die Bewährungsauflage ist wahrhaft salomonisch, Al-M. muss, wen der Strafbefehl rechtskräftig wird, entweder 2.000 Euro an den Kinderschutzbund und 3.000 Euro an den kleinen Nikola zahlen oder 12.000 Euro Geldstrafe an die Staatskasse. Es bleibt abzuwarten, ob Al-M. gegen den Strafbefehl Einspruch einlegt.

Das Amtsgericht Frankfurt am Main meint somit, dass eine Vorhaut 3.000 Euro wert ist.

Patient stirbt bei unnötiger OP – Arzt in U-Haft

Wer Phimose-Info Deutschland kennt, der kennt auch unnötige Operationen, schließlich sind die meisten Operationen an den Vorhäuten deutscher Jungen und Männer medizinisch nur schwer zu begründen. Ob es bei diesem Fall aus Wolfsburg auch um Operationen an der Vorhaut geht, ist noch nicht klar. Jedenfalls sitzt seit Freitag, dem 4. November 2011 ein Arzt in Untersuchungshaft, der Diagnosen erfunden haben soll um entsprechende Operationen mit den Krankenkassen abrechnen zu können. Einer seiner Patienten soll eine solche OP nicht überlebt haben.

Um welchen Arzt es sich handelt, wollen Staatsanwaltschaft und Polizei nicht verraten, die Presse fängt aber schon an zu spekulieren. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen gießt etwas Öl ins Feuer und verrät, dass es wohl kein Allgemeinmediziner und auch kein Internist war.

Ich persönlich tippe einfach mal auf diesen Herrn.

Warum eine fehlende Vorhaut heutzutage angeblich gar nicht schlimm ist

Immer wieder suchen Befürworter der Beschneidung Gründe, berechtigte Vorbehalte gegen die Beschneidung von Jungen kleinzureden, zu marginalisieren.

Ganz plump sagen manche, das wäre halt nicht so schlimm, “sowas” haben ja viele Jungen. Mit “sowas” ist dann wohl das Ergebnis der operativen Behandlung einer Vorhautverengung gemeint. Der Münchner Autor und Kinderarzt Dr. Nikolaus Weißenrieder und seine Mitauutoren sehen die Häufigkeit solcher therapiebedürftiger Vorhautverengungen bei ca. 1-3 von einhundert Junegn, wobei sie einräumen müssen, dass etwa 70% dieser Fälle garkeiner operativen Therapie bedürfen. Bleibt ein Bodensatz von unter einem Prozent. Diesen Jungen kann dann etwa mit einer triplen Inzision geholfen werden. Oder – und das meinen diese Leute ganz ernst – man schneidet die Vorhaut einfach ab, denn das stellt “heutzutage kaum noch ein Problem” dar.

Warum denn nicht, und warum nur heutzutage, werden sie sich jetzt sicher zurecht fragen. Gut, die Begründung klingt jetzt absolut albern, aber wir haben ja Meinungsfreiheit:

das dementsprechende Aussehen [ist] sowohl bei Mädchen wie bei Jungen hinreichend bekannt [...] und akzeptiert.

Eine interessante und vollkommen unbelegte Hypothese. Wissenschaftliches Arbeiten geht anders.

Danke, Van Lewis!

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate – im vergangenen Oktober verstarb der Arzt John R. Taylor, Autor mehrerer wissenschaftlicher Artikel über die Anatomie der Vorhaut und Entdecker des gefurchten Bandes – hat die internationale Gemeinschaft der Intaktivisten einen schweren Verlust zu beklagen: Am 06.06.2011 starb Van Lewis mit 68 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Tallahassee, Florida.

Vans Leben war dem unermüdlichen, aufopfernden und mutigen Kampf für genitale Unversehrtheit von Jungen gewidmet:

Bereits im Dezember 1970, zu einer Zeit, als die Beschneidungsrate in den USA sich noch auf ihren Höhepunkt zubewegte und an NOCIRC und einen organisierten Widerstand gegen den Beschneidungswahn noch nicht zu denken war, protestierten Van und sein Bruder vor dem örtlichen Krankenhaus in Tallahassee mit provokanten Plakaten wie “Säuglingsbeschneidung ist ein Sexualverbrechen” gegen die Verstümmelung von Neugeborenen – und landeten dafür im Gefängnis.

In den folgenden vier Jahrzehnten demonstrierte er immer wieder auf der Straße, verteilte Flyer und zwang so die Menschen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Er trug auch dazu bei, die öffentliche Krankenkasse in Florida zu überzeugen, Säuglingsbeschneidung nicht mehr zu bezahlen.

Im Internet initiierte Van die internationale “Ashley Montagu Resolution and Petition” zur Beendigung von Genitalverstümmelung von Kindern weltweit, die derzeit über 4.000 Unterzeichner aus aller Herren Länder hat.

Marilyn Milos, Gründerin von NOCIRC, charakterisiert ihn als “extrem sanftmütigen Mann, der grimmig wird, wenn es darum geht, Babys zu beschützen”.

In diesem YouTube-Video kann sich jeder selbst ein Bild von Van Lewis machen.

Wir fühlen mit Vans Angehörigen und wünschen ihnen viel Kraft in dieser schweren Zeit.

Auch die internationale Intaktivisten-Gemeinschaft muss diesen Verlust erst verkraften. Ohne Van wären wir nicht da, wo wir heute sind. Wir werden sein Andenken wahren und ehren, indem wir die Arbeit für genitale Unversehrtheit und Selbstbestimmung aller Menschen fortsetzen.

Danke für alles, Van!

Ihre Beschneidung muss leider ausfallen

Der Niedergang eines einst so stolzen Krankenhauses wird immer offensichtlicher. Das Klinikum Steglitz im Südwesten Berlins hatte 1.200 Betten und 36 wissenschaftliche Einrichtung. Lange war es eine einzigartige und moderne Institution im Westteil der geteilten Stadt, zugleich der erste große Krankenhauskomplex Europas. Top-Modern sehen allerdings nur noch 3 Stationen aus, der Rest ist heruntergekommen.

In Zeiten knapper Kassen und nach der Fusion mit der Charité muss man knauserig sein und zahlt etwa dem Pflegepersonal monatlich 300 Euro weniger Gehalt als andere Berliner Krankenhäuser. Selbst Pförtner wurden zu Dumpinglöhnen von lediglich 5,55 Euro pro Stunde beschäftigt. Das wollen sich die Mitarbeiter jetzt nicht mehr gefallen lassen. Im “Facility Management” wird unbefristet gestreikt und selbst Notdienste sind nicht mehr gesichert. Dem Vernehmen nach bringen die dort noch arbeitenden Mitarbeiter (das Pflegepersonal hat den Streik ausgesetzt) mittlerweile sogar ihr Toilettenpapier von zu Hause mit.

Es brodelt an allen Ecken und Enden, nicht lebensnotwendige Operationen fallen aus und selbst auf den Intensivstationen klemmt es zeitweise.

Beschneidungen waren im ehemaligen Klinikum Steglitz und jetzigen Campus Benjamin Franklin in den letzten Tagen also eine Seltenheit. Im Rückblick wäre ich froh gewesen, wenn das Personal schon damals gestreikt hätte, als die Herrschaften es ohne gründliche Untersuchung und angemessene Aufklärung auf meine Vorhaut abgesehen haben. Leider hatten sie Erfolg und das Krankenhaus wird mir wohl zeitlebends schon wegen des anmaßenden Umgangs mit minderjährigen Patienten in schlechter Erinnerung bleiben. Aber jetzt sieht es fast so aus, als wäre das einst so stolze Krankenhaus bald Geschichte.

 

Werbung

Werbung

Werbung